Traueransprache

Nach Psalm 13,6; Pfarrerin Sylvia Richter, Philippus-Gemeinde Darmstadt-Kranichstein

Liebe Familie Rößling, liebe Trauergemeinde! 

Es war bestürzend mitzuerleben, wie rapide die geistigen und körperlichen Kräfte von Annemarie Rößling nachließen, seit dem Tod ihres Mannes Anfang 2015. 

Sie, die immer so mobil gewesen war, war mehr und mehr auf Hilfe und Orientierung angewiesen. Seit ihrem Krankenhausaufenthalt mit der Lungenembolie im Sommer blieb sie ganz ans Bett gebunden. 

In der Nacht auf Sonntag, den 16. Oktober ist sie friedlich zuhause eingeschlafen. 

Und bei aller Trauer ist da auch Erleichterung, dass sie so im Frieden gehen konnte. 

„Ich vertraue darauf, dass du so gnädig bist. 
Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst“, 

heißt es in einem Gebet in der Bibel,  in Psalm 13 (Ps 13,6). 

Gerne geholfen - das hat Annemarie Rößling selbst in ihrem Leben. Vielleicht, weil sie es von früh auf gewohnt war — und vielleicht, weil sie sich selbst manches Mal nach Hilfe gesehnt hat.  

Geboren 1931 in Leipzig und dort aufgewachsen — wir können nur ahnen, welch eine schwere Kindheit und Jugend sie durchgemacht haben muss. Erst in der Zeit des 2. Weltkrieges. 

Und wie muss es für Anne gewesen sein, als ihre Mutter am Kriegsende ohne Abschied die Familie verließ — und die 14jährige Anne es war, die in der ohnehin harten Nachkriegszeit für den Haushalt und ihren kleinen Bruder Hannes sorgte, während der Vater die Leitung eines Kinderheimes trug. Später, als der Vater wieder heiratete, kümmerte sie sich mit um die neuen kleinen Geschwister Jens, Matthias und Bärbel.

Ja, Kindern zu helfen — das lag ihr am Herzen. 

Sie machte eine Ausbildung zur Sprachheil-Pädagogin, und ging (mit ihrem Bruder) vorm Mauerbau nach Hamburg, um dort in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu arbeiten. 

Später lernte sie den Witwer Karlheinz Rößling kennen. Sie heirateten und sie zog zu ihm nach Schwalmstadt — und zu seinen vier kleinen Kindern Lothar, Lutz, Axel und Beate. Deren Mutter war erst kürzlich verstorben, und selbst bei gutem Willen und Bemühen zu helfen war es sicher keine leichte Situation für alle.

Mit dem beruflichen Wechsel ihres Mannes nach Darmstadt 1970 gab es einen Neuanfang in Kranichstein, im neuen Haus im Meißnerweg. Zu ihrer großen Freude wurde hier nun auch ihr Sohn Guido geboren. 

Der Kontakt mit Kindern und Jugendlichen lag ihr so am Herzen, dass sie auch bald ihre Arbeit wieder aufnahm. An der Wichernschule der Niederramstädter Diakonie war sie 20 Jahre lang bis zu ihrem Ruhestand als Sprachheil-Lehrerin tätig. Es erfüllte sie mit Freude, Kindern zu helfen, mit Lust Neues zu entdecken und sich zu entwickeln. „Ihre“ früheren Kinder auf Festen wiederzutreffen und begeistert als „Mutti Rößling“ begrüßt zu werden — das war auch später noch eine große Freude für sie. 

In ihrer Freizeit war das Reisen ihre Leidenschaft. 

Schon als junge Frau war sie mit ihren Freundinnen unternehmungslustig mit dem Käfer quer durch Europa nach Griechenland gefahren, wovon sie bis zuletzt gerne erzählte — und stolz auf die mitgebrachten griechischen Teller verwies.

Nun ging es mit der Familie jedes Jahr nach Langeoog, und später an den Bodensee zum Schifffahren — beides eine große Freude für sie. 

Auch sonst war sie immer gerne mit dem Auto unterwegs — im Odenwald und auch weite Strecken; kein Problem, den Sohn mit seinem PC an einem Tag nach Paris zu bringen. 

Für eine mobile Frau wie sie war der Umzug in die kleine Wohnung im Wohnpark 2005 keine leichte Umstellung. Aber als (Zitat) „Hans Dampf in allen Gassen“, suchte sie sich weiter ihre Aufgaben, organisierte weiterhin vieles für andere („ob sie es wollten oder nicht“, wie ich hörte), brachte für andere etwas mit dem Auto vom Supermarkt mit, und fand ihr Schwätzchen mit den vielen Bekannten, die sie überall hatte: bei der Tankstelle und der Apotheke, beim Reisebüro, dem Fotostudio, und einfach so unterwegs.

Neben ihrem Mann, ihrem „Kalle“, kümmerte sie sich auch noch um ihre hochbetagte Mutter, die inzwischen auch im Wohnpark lebte. Und beim Kümmern um „Mutti“ half Annemarie Rößling gleich auch in der Tagespflege mit, und freute sich unter anderem am gemeinsamen Singen. Auch der Kontakt mit Kindern machte ihr weiter Freude — allen voran natürlich mit ihrem „Sonnenschein“ Enkel Fabian. 

Einen tiefen Einschnitt bedeutete der Tod ihres Mannes, Anfang 2015. Sie, die immer mit viel Energie unterwegs gewesen war und anderen helfen wollte, verlor immer öfter die Orientierung und war nun zunehmend selbst auf Hilfe angewiesen. Es war eine schwere Zeit, als sie das selbst merkte — für Sie selbst und auch für Sie als Angehörige, die das mitaushalten und mittragen mussten.

Im Sommer verstarb dann auch ihre Mutter im Alter von 106 Jahren im Wohnpark.  

Gut, dass sie in der Demenz-WG in Ober-Ramstadt bald ein neues Zuhause fand, wo sie sich wohl fühlte, ganz in der Nähe von Sohn Guido und Familie. Im Haus dort bekam sie Hilfe, und sie konnte weiter selbst Hilfe geben: etwa beim „Organisieren“ des Grillfestes in „ihrer“ Küche.

Nun ist ihr Weg zu Ende gegangen. (Vor drei Wochen hat sie losgelassen, und ist friedlich eingeschlafen.) 

„Ich vertraue darauf, dass du so gnädig bist. 

Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst“, heißt es im Psalmgebet.  

In aller Trauer ist da auch Grund zur Freude und Dankbarkeit — für ihr langes Leben, in dem Gott ihr beigestanden hat in guten und in schweren Zeiten. Für die Hilfe, die sie anderen gegeben hat, die Freude und frischen Wind. Für ihr ruhiges Ende. 

Am Ende ihres Lebens vertraue ich darauf: Der Gott, der ihr das Leben geschenkt hat und ihr durchs Leben geholfen hat, lässt sie auch jetzt am Ende nicht fallen. 

Gott heißt sie „gnädig“, liebevoll willkommen — mit dem Gelungenen an Freude und Hilfe an ihrem Leben, und auch mit dem, was nicht gelungen ist, wo Menschen aneinander vorbei gelebt haben, wo Hilfe eher gutgemeint oder nicht da war. 

Wir dürfen darauf vertrauen: Gott schaut sie liebevoll an und schenkt ihr Frieden. 

Wir bleiben zurück. Mit unseren Erinnerungen — den schönen und den schmerzhaften, den bitteren und den dankbaren. Mit der Last, vieles verarbeiten zu müssen, um den eigenen Weg gut weitergehen zu können. Das Psalmwort kann darin ein Wort zum Festhalten sein: 

„Ich vertraue darauf, dass du so gnädig bist. 

Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.“

Ich vertraue darauf, dass Gott Ihnen beisteht auf dem Weg der Trauer, Ihnen Kraft gibt für schwere Momente, und Ihnen hilft, sich neu auszurichten und ihre Wege in Freiheit zu gehen. In diesem Vertrauen lade ich Sie ein, zu erinnern und vor Gott zu bringen, was Sie bewegt bei diesem Abschied.

© Dr. Guido Roessling 2016